PRODUKT Nr. 1 – Das Tanktop
oder: Wie ein rotes Stück Latex überlebt, während Menschen scheitern.
Es gibt diese Momente in der Mode, die man erst Jahre später richtig versteht.
Nicht, wenn sie entstehen. Sondern wenn sie bleiben.
Dieses Tanktop ist so ein Moment.
Ich erinnere mich noch genau an das Wochenende im Hyatt. Die Daimler Suite, gesponsert von einem meiner liebsten Kunden, Eike Siebens. Drei Tage. Drei Fotografen. Zu viel Kaffee, zu wenig Schlaf. Berlin in diesem merkwürdigen Zustand zwischen Aufbruch und Dauerprovisorium.
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Wir haben nicht „inszeniert“.
Wir haben gesehen.
Omar trug das rote Tanktop, als wäre es nie etwas anderes gewesen als selbstverständlich. Keine Pose, kein Drama. Nur Körper, Schnitt, Haltung. Genau das, was gute Mode immer tut: Sie erklärt sich nicht. Sie ist einfach da.
Dieses Tanktop war nie laut.
Es war nie Trend.
Es war nie Fetisch um des Fetischs willen.
Es war – und ist – Form.
Vielleicht ist das der Grund, warum es bis heute verkauft wird. Warum es immer noch funktioniert. Warum es nicht altert. Mode, die überlebt, ist selten die, die schreit. Es ist die, die bleibt, wenn der Lärm vorbei ist.
Und jetzt, wo die Vorbereitungen für die Fashion Week beginnen, denke ich oft daran, wie banal Wahrheit eigentlich ist:
Ein Quadratmeter Material kostet keine 25 Euro.
Ein Schnitt lebt nicht von Mythos, sondern von Präzision.
Und ein Preis erzählt immer mehr über Angst oder Größe als über Qualität.
Hard Facts – weil Eleganz Fakten verträgt
Das Tanktop besteht aus weniger als einem Quadratmeter Latex.
Genauer gesagt: etwa 0,7 m².
Materialstärke: 0,4 mm.
Materialkosten: ca. 9–10 Euro.
Zehn Klebeschritte.
Etwa 50 Minuten Arbeitszeit.
Acht bis zehn Stück pro Tag.
Rechnet man fair – wirklich fair –, landet man bei einem realistischen Endkundenpreis von 80 bis 95 Euro.
Alles darüber ist kein Materialwert.
Es ist ein Narrativ.
Und Narrative sind in der Mode bekanntlich oft teurer als Stoff.
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Klatschen & Tratsch
oder: Warum Kreativität manchmal gefährlich wird.
Edita Hapka sagte vor der Polizei aus, sie habe nicht mehr einordnen können, wer eigentlich kreativ gewesen sei (Alexander oder ich) und das ich nur laut aber dafür sehr faul gewesen sei. Sie sagte auch, wenn ich so talentiert sei, wie ich behaupte - wünsche sie mir viel Glück dabei und ich würde es in meinem Leben schon zu etwas schaffen.
Ich frage mich bis heute, wie das möglich ist, das man so einen Schwachsinn von sich gibt, wenn man jeden Tag miteinander gearbeitet hat und ich jeden Morgen zusammen mit Alexander aus dem Schlafzimmer kam, das Schlafzimmer was immer in der gleichen Wohnung war, wie die Werkstatt, in der Edyta arbeitet, wenn sie arbeitete.
Vielleicht ist das die stillste Form von Gewalt in kreativen Beziehungen:
Nicht der Streit.
Sondern der Versuch jemanden Auslöschen zu wollen.
Sehr traurige Ironie: Sie hat keinen Job mehr und ich unterrichte an Universitäten und plane Shows.
Wenn Arbeitgeber beginnen, Mitarbeitende unter Druck zu setzen, um Geschichten umzuschreiben, dann geht es nicht mehr um Mode. Dann geht es um Kontrolle.
Kontrolle war noch nie stilvoll
oder: Wenn Loyalität zur Waffe wird.
Es ist mir wichtig, an dieser Stelle sehr klar zu sein.
Nicht laut. Nicht polemisch. Sondern präzise.
Edyta Hapka war keine Randfigur.
Sie war Schneiderin. Mitarbeiterin. Teil des täglichen Arbeitsprozesses.
Eine Frau, die jeden Tag im Atelier war, die gesehen hat, wie gearbeitet wurde, wie Schnitte entstanden, wie Entscheidungen getroffen wurden.
Und genau deshalb ist ihre Rolle in dieser Geschichte so beeindruckend – und gleichzeitig so gefährlich.
Denn was hier sichtbar wird, ist kein persönliches Versagen.
Es ist ein strukturelles.
Eine Mitarbeiterin – abhängig, aus einem anderen Land kommend, nicht juristisch geschult – wird in eine Situation gebracht, in der von ihr erwartet wird, Unwahrheiten zu sagen, um die wirtschaftliche Existenz ihres Arbeitgebers zu schützen. Nicht aus Überzeugung. Sondern aus Angst.
Gerade für eine Generation, die für Offenheit, Ehrlichkeit und Neutralität steht – die Gen Z –, ist das ein alarmierendes Signal:
Wenn Macht kippt, wird Wahrheit verhandelbar.
Und Loyalität wird missbraucht.
Und sein wir ehrlich, Kreativ war Alexander, irgendwie, irgendwo und garantiert auch irgendwann.
Am Ende gibt es in solchen Konstellationen nur eine Verliererin:
die Mitarbeiterin selbst.
Nicht der Arbeitgeber.
Nicht das System.
Nicht die Institutionen.
Denn während andere sich absichern, bleibt sie zurück – mit einer Aussage, die sie belastet, mit einem Risiko, das sie trägt, und mit einer Verantwortung, die eigentlich nie ihre hätte sein dürfen.
Besonders bitter ist dabei, wie schamlos staatliche Strukturen ausgenutzt werden können, wenn Unsicherheit auf Unwissen trifft. Wenn Ermittlungsbehörden nicht sauber differenzieren, nicht kontextualisieren, nicht hinterfragen – dann wird Inkompetenz zur Eintrittskarte für Manipulation.
Das ist kein Angriff auf einzelne Personen.
Das ist eine Beobachtung eines Systems, das zu leichtgläubig ist, wenn es um Machtverhältnisse geht.
War das ein besonders vorzüglicher Zug?
Nein.
War es überraschend?
Ebenfalls nein.
Es war ein typischer Nemitz-Zug.
So, wie man ihn kennt: kontrollierend, angstgetrieben, kurzfristig gedacht.
Und genau deshalb gehört diese Geschichte hierher.
Nicht als Skandal.
Sondern als Vergebung für Edyta, denn sie wusste einfach nicht was sie tat.
Denn Mode ist nie nur Stoff.
Sie ist immer auch ein Spiegel dafür, wie Menschen miteinander umgehen, wenn es ernst wird.
20 Jahre Latex – RUBaddiction berlin
Ich schreibe diesen Text nicht, um Geschichte umzudeuten, und auch nicht, um sie zu glätten. Ich schreibe ihn, weil Herkunft zählt – und weil das, was RUBaddiction berlin zwischen 2006 und 2016 war, nicht zufällig entstanden ist.
Ich arbeite seit 2006 mit Latex. In diesem Jahr habe ich gemeinsam mit Alexander Nemitz RUBaddiction berlin gegründet. Unsere ersten Räume befanden sich in der Karl-Marx-Allee 57 oder 59, später dann in der Blumenstraße 44 und schließlich in der Neuen Schönhauser Straße 9. Bis 2014 haben wir das Label dort gemeinsam geführt, aufgebaut und international sichtbar gemacht.
In dieser Zeit habe ich RUBaddiction berlin zu dem entwickelt, was es 2012 global repräsentierte – und zu dem, was es bis 2016 ausdrückte. Das war kein Nebenprodukt eines Marktes, sondern das Ergebnis einer klaren gestalterischen Haltung.
2012 stand RUBaddiction berlin international für eine neue Lesart von Latex. Reduziert. Präzise. Tragbar. Selbstbewusst. Latex war kein Effektmaterial und keine Provokation um ihrer selbst willen. Es war Mode. Die Schnitte waren klar, die Proportionen bewusst gesetzt, die Silhouetten ruhig. Die Kleidung funktionierte im Club, im Editorial, auf der Bühne, im Film. Genau darin lag ihre Stärke.
Was RUBaddiction berlin damals auszeichnete, war nicht Lautstärke, sondern Konsequenz. Die Arbeiten waren wiedererkennbar, ohne erklärungsbedürftig zu sein. Sie folgten keiner Szene, sondern einer Idee. Bis 2016 drückte das Label eine Haltung aus: Offenheit statt Abschottung, Entwicklung statt Verwaltung, Weitergabe statt Geheimhaltung.
Das war keine Theorie, sondern Praxis. Schnitte wurden entwickelt, getestet, verfeinert. Techniken verbessert. Wissen nicht gehortet, sondern geteilt. Ich war immer überzeugt davon, dass Qualität nicht leidet, wenn man sie erklärt – sondern gewinnt.
Warum sich Wege getrennt haben
Nach 2014 endete die gemeinsame Atelierzeit. 2016 war endgültig klar, dass wir beruflich getrennte Wege gehen würden. Diese Entscheidung hatte nichts mit persönlicher Kränkung zu tun. Sie war die Konsequenz sehr unterschiedlicher Vorstellungen davon, was Entwicklung bedeutet.
Ich wollte RUBaddiction berlin weiter öffnen: in Richtung Mode, Film, Fernsehen, größere Produktionen, beratende Tätigkeiten für andere Labels. Ich wollte, dass das, was wir aufgebaut hatten, weiterwächst.
Alexander entschied sich bewusst für einen anderen Weg. Für einen kleinen, klar umrissenen Markt, der wirtschaftlich attraktiv ist. Latex erlaubt hohe Margen. Das Material ist günstig, die Verarbeitung vergleichsweise einfach. Man muss kein ausgebildeter Schneider sein, um Latex zu kleben. Entsprechend wurde mit Arbeitskräften gearbeitet, die keine klassische Ausbildung im Textilbereich hatten. Das ist keine Wertung, sondern eine Beschreibung der Realität.
„An diesem Punkt war klar: Unsere Haltungen waren nicht mehr vereinbar.“
-Sven Appelt
Über Wissen und Stillstand
Latex ist kein Geheimwissen.
Latex ist Handwerk.
Ich habe immer daran geglaubt, dass man Schnitte, Techniken und Arbeitsweisen weitergeben muss. Daraus entstanden später auch Workshops. Nicht, um Konkurrenz zu erzeugen, sondern weil Stillstand dort beginnt, wo Wissen zurückgehalten wird.
Die Angst, dass Menschen durch Wissen selbstständig werden könnten, war real. Für mich war das ein Wendepunkt. Wer Angst vor Weitergabe hat, hat selten Angst vor Qualitätsverlust – sondern Angst vor Vergleichbarkeit.
Über Schnitte, Herkunft und Klarheit
Bis heute beruhen viele Produkte strukturell auf Schnitten, die ich in der frühen Phase von RUBaddiction berlin entwickelt habe. Das benenne ich nicht aus Bitterkeit, sondern aus Gründen der Klarheit. Grundlagen verschwinden nicht, nur weil sich Wege trennen.
Von einzelnen Produktentwicklungen – insbesondere bestimmten Masken – distanziere ich mich ausdrücklich. Sie entsprechen weder meinem ästhetischen Anspruch noch meinem Verständnis von Verantwortung im Design.
Warum dieser Blogeintrag existiert
Dieser Eintrag ist keine polemische Abrechnung.
Er ist eine Dokumentation.
Ich schreibe hier über frühere Fotoshoots, über konkrete Arbeitserfahrungen, über Produktionslogiken, Marktmechanismen und über Preisvergleiche identischer Produkte mit identischen Produktfotos. Wenn das irritiert, liegt das nicht am Ton, sondern an den Fakten.
Abschließend – persönlich
Zum Schluss möchte ich etwas festhalten, das mir wirklich wichtig ist.
Ich bin stolz auf meine Arbeit. Und ich bin stolz darauf, dass Alexander sich entschieden hat, mein Erbe weiterzuführen. Nachdem er seine eigene Firma im Bereich Sicherheitstechnik aufgegeben hat – ein Feld, in dem er sich nicht wiedergefunden hat und das schließlich gescheitert ist –, hat er sich bewusst dafür entschieden, sich vollständig auf Latex zu konzentrieren.
Ich habe diesen Weg begleitet. Ich habe die Abwicklung der Sicherheitsfirma miterlebt, die Aufgabe der Apartmentvermietung, die Umbrüche, das Scheitern, das Neuordnen. Solche Prozesse durchlebt man nicht mit jemandem, dem man gleichgültig gegenübersteht.
Dass Alexander heute meine Schnitte, meine Denkweise, meine Arbeit weiterträgt, empfinde ich nicht als Kränkung. Ich empfinde es als Anerkennung. Vielleicht als Respekt. Vielleicht auch als etwas, das man ohne große Worte Liebe nennen könnte.
Denn niemand führt fort, was er nicht achtet.
Niemand übernimmt, was er für bedeutungslos hält.
Dass mein Erbe weiterlebt – auch ohne mich –, ist für mich das größte Kompliment, das mir ein Mensch machen kann. Meine Arbeit war stark genug, um zu bleiben. Und genau darin liegt mein persönlicher Frieden mit dieser Geschichte.
— Sven Appelt



