ANDREAS. Er nannte sie sein Püppchen

ANDREAS. ER NANNTE SIE SEIN PÜPPCHEN.

Eine Kolumne von Marie Lichtenstein

 

Manchmal stolpert man über einen Satz, der sich nicht mehr aus dem Kopf entfernen lässt. Einen Satz, der so harmlos klingt wie ein Kosewort – und doch ein Tatwerkzeug ist. „Andreas. Er nannte sie sein Püppchen.“ Kein Schrei. Keine Gewalt im Klang. Nur Sprache. Und genau darin liegt das Problem.

 

Ab 2026 wird dieser Satz zum Titel einer Ausstellung von Sven Appelt, realisiert gemeinsam mit Andreas FUX, Sylvie Mopita und dem Voices of Creation e.V.. Gefördert durch eine gewonnene Landesausschreibung, ist das Projekt kein Kunstereignis zum Durchatmen. Es ist ein Innehalten. Ein Zwang zum Hinschauen. Und vielleicht – das Seltenste überhaupt – ein Versuch, Verantwortung nicht nur zu benennen, sondern zu sezieren.

 

Appelt entscheidet sich bewusst gegen den naheliegenden Weg. Keine Kinder. Keine reißerische Bildsprache. Stattdessen: Porzellanpuppen und Models. Aus der Distanz wunderschön. Haute Couture, makellose Körper, perfekte Oberflächen. Bilder, die man hängen lassen möchte. Bilder, die man lieben könnte. Und genau dann kippen sie.

 

Denn wer nähertritt, entdeckt die Störung. Die Fehler. Die Narben. Jeans – etwa von Saint Laurent – innen mit rotem und transparentem flüssigem Latex verschmiert. Nicht sichtbar für den flüchtigen Blick, aber unausweichlich für den, der hinsieht. Latex als Metapher für Eindringen, Gewalt, das Unwiderrufliche. Schönheit als Falle. Eleganz als Tarnung.

 

Zwölf Bilder umfasst die Serie. Zwölf Porzellanpuppen sind ihnen zugeordnet. Jede Puppe steht für ein dokumentiertes Schicksal, recherchiert und begleitet in Zusammenarbeit mit Jugendämtern aus Cottbus, Potsdam und Berlin. Es sind Geschichten, die man nicht „konsumiert“. Man trägt sie hinaus.

 

Und dann ist da die Entscheidung, die viele verstören wird – vielleicht muss sie das auch: Appelt richtet den Blick nicht nur auf den Vater als Täter, sondern auf die Mutter als zweite Täterin. Die, die zusieht. Die duldet. Die akzeptiert. Die rationalisiert. Natürlich gibt es Mütter, die selbst Opfer sind – gefangen in Angst, Gewalt, Abhängigkeit. Doch Appelt erzählt von einer anderen Realität, die er persönlich kennengelernt hat: einer Mutter, deren Leben finanziert wurde, deren Körper perfektioniert, deren Boutique geschniegelt und geschniegelt in Berlin-Wilmersdorf steht. Und deren Tochter systematisch ausgeliefert wurde. Missbraucht. Geschwängert. Alleingelassen. Das Kind vor einer Kirche abgelegt. Danach der Freitod.

 

Die Mutter sagt später: „Sie war halt früh reif.“

Sätze wie diese wirken wie Eiswasser. Appelt nennt sie schlimmer als jede sexuelle Perversion – weil sie nicht krankhaft, sondern berechnend sind. Psychologisch lässt sich das benennen: Verdrängung, Projektion, Täter-Opfer-Umkehr, narzisstische Abspaltung. Das eigene Überleben wird über das Leben des Kindes gestellt. Nicht aus Angst. Aus Komfort.

 

Als wäre das nicht genug, öffnet die Ausstellung eine weitere Ebene: Vater – eine Überraschungspräsentation im Raum. Appelt führt Interviews mit Tätern, porträtiert sie. Nicht zur Entlastung, sondern zur Analyse. Und hier trifft die Kunst auf ein bitteres politisches Paradox: In Deutschland ist Prävention oft an Selbstanzeige gebunden. Wer Hilfe sucht, muss sich zuerst selbst belasten. Ein System, das Abschreckung mit Schutz verwechselt. Verwaltung mit Verantwortung.

 

Vielleicht ist das der Punkt, an dem diese Arbeit wirklich wehtut. Sie zeigt nicht nur Gewalt. Sie zeigt Strukturen. Bürokratie. Schweigen. Sprache als Komplizin. Ein Staat, der erst reagiert, wenn es zu spät ist.

 

„Andreas. Er nannte sie sein Püppchen.“ ist keine Ausstellung, die man „gut findet“. Sie ist eine, die bleibt. Die anzieht – und im selben Moment abstößt. Wie ein perfektes Outfit, das man erst liebt, bis man merkt, dass es innen brennt.

 

Und ich frage mich – wenn Sprache schon so viel zerstören kann, wie viel Verantwortung tragen wir dann für jedes Wort, das wir verharmlosend lächeln lassen?

 

 

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Warum „Janine“. – Ein Statement von Sven Appelt

 

Der Song „Janine“ war einer der ersten deutschsprachigen Tracks, der sexualisierte Gewalt an Minderjährigen radikal konkret erzählte. Für mich war er damals ein Schock – und ein Moment von Wahrheit. Nicht provozierend, sondern schonungslos ehrlich.

 

Dass dieser Song nie die Öffentlichkeit bekam, die er inhaltlich verdient hätte, lag nicht an seinem Thema, sondern an einem späteren urheberrechtlichen Konflikt. Infolge eines Urteils des Landgerichts Hamburg wegen Sampling-Fragen waren bestimmte Veröffentlichungen zeitweise eingeschränkt. Für mich fühlte sich das wie ein Aufschieben einer notwendigen gesellschaftlichen Debatte an:

 

nicht zensiert,

aber praktisch gebremst.

 

Paradoxerweise wurde "Janine" danach für viele erst richtig prägnant. Für mich jedoch war der Song über Jahre ein innerer Referenzpunkt – emotional überfordernd, aber prägend. Er hat meine Zivilcourage und meine Haltung im Umgang mit diesem Thema mitgeformt.

 

Zwanzig Jahre später ist Kindesmissbrauch medial präsenter, aber nicht konsequent bekämpft.

 

Meine Ausstellung setzt genau hier an:

 

Schönheit als Einstieg,

Irritation als Erkenntnis.

 

High-End-Fashion trifft auf Aktenzeichen – Symbole realer Geschichten.

 

Es geht nicht um Skandal.

Es geht um Verantwortung.

Es geht um Kinder.

 

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Rechtlicher Hinweis / Bildquellenangabe

 

Sämtliche Urheber- und Nutzungsrechte an den verwendeten Bildern liegen ausschließlich bei Sven Appelt.

Die Bilder wurden von Sven Appelt erstellt bzw. basieren auf von ihm angefertigten Originalaufnahmen.

 

 

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