Das war 2025. Und tschüss.
Ein Essay von Sven Appelt
Meine lieben Kundinnen und Kunden, meine lieben Freundinnen und Freunde, meine lieben Partner und Wegbegleiter,
2025 ist zu Ende. Und ich sage es ganz offen: Ich bin dankbar. Nicht, weil alles leicht war. Sondern weil am Ende etwas passiert ist, das in dieser Zeit selten geworden ist: Ein Jahr hat sich – trotz allem – positiv geschlossen.
Ich will das zuerst aussprechen, bevor ich irgendwohin abbiege: Danke.
Danke für Vertrauen. Für Geduld. Für Transparenz. Für das Mittragen. Für diesen stillen Zusammenhalt, den man nicht bestellen kann wie ein Paket – und den man erst dann versteht, wenn er da ist. Manche von euch sind seit Jahren dabei. Manche sind neu dazugekommen. Und ich habe in diesem Jahr – metaphorisch – 28 neue (Vereins)Freunde kennengelernt: Menschen, die nicht „konsumieren“, sondern verstehen, was es heißt, wenn etwas mit Hand gemacht wird und nicht nur mit Versandetikett.
Und ja: Ich bedanke mich auch bei mir selbst. Nicht aus Selbstbeweihräucherung. Sondern weil ich 2025 wieder lernen musste, was Zivilcourage in der Praxis heißt: dranbleiben, wenn es unbequem wird. weitermachen, wenn Systeme träge sind. Handwerk verteidigen, wenn es lächerlich gemacht wird. Und genau das hat etwas möglich gemacht, das man nicht planen kann – aber das man sich verdienen kann.
China. Frankreich. Und zwei eigene Kollektionen.
2025 war auch ein Jahr, in dem ich international sehr klar gespürt habe, was meine Arbeit wert ist – wenn sie auf Menschen trifft, die nicht mit dem Reflex „Rabatt?“ anfangen.
Ich durfte für den größten Sportmodehersteller Chinas eine Kollektion entwerfen. Und ich sage das nicht, um zu protzen – sondern weil es ein Kulturschock war, im besten Sinne. Dort wird nicht in „können wir sparen?“ gedacht, sondern in „wie groß darf es werden?“. Ich erinnere mich an einen Moment, den ich so schnell nicht vergesse: Ich frage nach der Materialmenge – und die Antwort ist sinngemäß: unter 10.000 Metern bestellen wir nicht. Punkt. Meine Kinnlade war kurz auf dem Boden. Nicht, weil ich „Geld geil“ bin, wie einige Anwälte, sondern weil ich gemerkt habe, wie sehr Deutschland sich daran gewöhnt hat, groß zu denken und klein zu handeln – und dann überrascht zu sein, dass am Ende beides nicht mehr zusammenpasst.
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Parallel dazu habe ich als Consultant für einen großen französischen Konzern gearbeitet – und zwar mit einem sehr konkreten Auftrag: beratend an der kommenden Latex-Kollektion eines Modehauses in Paris mitzuwirken. Das ist die Art von Arbeit, bei der nicht gefragt wird, ob Latex „Fetisch“ ist, sondern ob Latex Mode sein kann. Spoiler: Es kann. Wenn man es ernst nimmt.
Und dann – zwischen diesen internationalen Polen – stand ich wieder in meinem eigenen Atelierleben: Zwei eigene Kollektionen habe ich 2025 ebenfalls fertiggestellt. Zwei Stück. Fertig. Auf den Markt gebracht. Damit das nicht nur „Projekt“ bleibt, sondern Realität.
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Und jetzt kommen wir zu dem Punkt, an dem das Jahr 2025 für mich seine eigentliche Schärfe bekommt.
Handwerk in Deutschland – und warum wir uns gerade selbst verlieren
Ich sage es hart, weil weich hier niemanden mehr rettet: Deutschland redet gern über „Qualität“. Aber Deutschland hat sich über Jahre eine Kultur antrainiert, in der Qualität wie ein Luxus behandelt wird, den man bitte gratis dazugeben soll.
Du baust ein Haus – und ich baue gerade auch eins – und du willst eine Heizung. Du willst Fenster. Du willst Elektrik. Du willst eine Küche. Und dann hörst du Sätze, die in keinem wirtschaftlich ernstzunehmenden Land normal wären: „In zwei, vielleicht drei Jahren.“
Nicht, weil Handwerker schlecht wären – im Gegenteil. Sondern weil Handwerk hier zu teuer, zu langsam, zu ausgedünnt ist. Und weil Strukturen, die eigentlich schützen sollten, sich oft in Verwaltung verfangen.
Was viele nicht aussprechen: Viele Menschen wollen keinen deutschen Handwerker mehr.
Nicht aus Verachtung. Sondern aus Angst vor Zeitverlust, Kostenexplosion, Planungschaos.
Und jetzt kommt die Ironie: Wir haben gleichzeitig eine Generation, die immer noch stolz diesen alten Werbesatz mit sich herumträgt – „Geiz ist geil“ – als wäre das eine Lebensphilosophie. Als wäre es ein Zeichen von Klugheit, alles billig zu bekommen. Dieser Slogan war eine Zeitlang Popkultur. Heute ist er ein Brandbeschleuniger. Und das Tragische ist: Diese Mentalität wird oft von genau jener „alten“ Selbstgewissheit getragen, die ich spöttisch „Generation Eisenberg“ nenne – Menschen, die mit maximaler Überzeugung erklären, wie die Welt zu laufen hat, während sie die Folgen ihres eigenen Denkens nicht mehr mittragen müssen.
Und die Kammern?
Handwerkskammern und Industrie- und Handelskammern sind rechtlich starke, historisch gewachsene Institutionen. Sie haben Aufgaben: Ausbildung, Prüfungen, Beratung, Interessenvertretung. Sie sind Teil des Systems „Selbstverwaltung“. Und ja, das kann sinnvoll sein – wenn es funktioniert.
Aber hier liegt mein Punkt: Viele erleben heute, dass diese Kammern vor allem sich selbst verwalten. Pflichtbeiträge, Gremien, Prozesse, Papier. Und das Gefühl, dass der Laden vor allem weiterläuft, weil er weiterlaufen muss.
Gleichzeitig ist die Pflichtmitgliedschaft nicht irgendein Mythos – sie ist juristisch abgesichert: Das Bundesverfassungsgericht hat die IHK-Pflichtmitgliedschaft und Beitragspflicht ausdrücklich für verfassungsgemäß erklärt.
Das heißt: Du kommst da nicht „einfach raus“. Du zahlst. Du musst. Punkt.
Und wenn du dann als Unternehmer das Gefühl hast, du bekommst zu wenig zurück, ist der Frust strukturell eingebaut.
Und genau deshalb führe ich – das ist mein ironischer Kommentar – ab 2025 eine Seriennummer für jedes Stück ein.
Nicht, weil ich mich für Rolex halte. Sondern als Zeichen. Als Spiegel. Als Botschaft:
An die Handwerkskammer: „Wenn ein Latex-Designer euch schon mit einer Seriennummer ironisch vorführt“, dann ist es vielleicht Zeit, dass ihr wieder über eure Rolle nachdenkt – weniger über Selbsterhalt, mehr über Zukunft.
Denn der deutsche Kunde ist nicht dumm. Der deutsche Kunde sieht: Aus China kommt vieles schneller. Oft günstiger. Manchmal erschreckend gut. Und der deutsche Kunde fragt sich: Warum dauert hier alles so lang? Warum ist hier alles so teuer? Warum fühlt sich Handwerk wie ein Museum an, statt wie ein Motor?
Und jetzt wird es noch bitterer: Das ist nicht nur Handwerk. Das ist Bildung. Das ist Kultur. Das ist eine gesamte Haltung.
Bildung und KI – Deutschland spart sich klein, Amerika denkt nach vorn
Ich bin seit Jahren jemand, der Wissen weitergibt. Als Designer. Als Dozent. Als jemand, der nicht nur Produkte baut, sondern auch Denkweisen.
Und 2025 ist mir etwas passiert, das ich wirklich als Ehre empfinde:
Ich wurde in Kalifornien angefragt, mit Studierenden zum Thema Kostümdesign zu arbeiten – und zwar mit KI-Programmen rund um ChatGPT-Workflows, also genau dort, wo das Thema nicht als „Untergang des Abendlandes“ diskutiert wird, sondern als Werkzeugkiste.
In den USA ist die Debatte deutlich pragmatischer: Wie integrieren wir KI sinnvoll? Wie schützen wir Integrität – ohne Innovation zu töten? Wie machen wir Studierende „AI-fluent“? Große Hochschulen rollen GenAI-Programme in großem Maßstab aus oder testen sie campusweit – etwa mit ChatGPT-Programmen in großen Universitätssystemen oder Pilotprojekten, die Chancen und Risiken zugleich untersuchen.
Und die Forschungslage zeigt ebenfalls: US-Unis entwickeln Richtlinien und didaktische Modelle – nicht nur Verbote.
Was ich dort gemacht habe, war nicht „KI ersetzt Handwerk“. Sondern: KI unterstützt Handwerk.
Wir haben mit Studierenden in Workshops gearbeitet: Moodboards, Charakterentwicklung, Kostüm-Narrative, Materiallogik, Silhouetten-Entscheidungen – und dann KI als Sparringspartner: Ideen variieren, Varianten prüfen, Referenzen strukturieren, Textkonzepte präzisieren, Produktionsschritte planbarer machen. Nicht als Maschine, die „macht“, sondern als Modul, das anregt, spiegelt, beschleunigt, ohne die Handschrift zu klauen.
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Und jetzt kommt der deutsche Kontrast – und der tut weh.
In Berlin und in Deutschland sehe ich seit Jahren, wie Kultur und Bildung gerne gelobt werden – aber finanziell behandelt werden wie ein Hobby. Berlin diskutierte und beschloss Sparmaßnahmen, die auch Wissenschaft und Hochschulen massiv treffen sollten; Universitäten warnten öffentlich vor drastischen Folgen.
Diese Kürzungen waren nicht nur „ein bisschen weniger“. Es ging um dreistellige Millionenbeträge, die im Raum standen, und um konkrete Auswirkungen auf Lehre, Personal und Infrastruktur.
Und dann reden wir über Lehre – über Lehraufträge.
Über die Realität, dass freie Dozentinnen und Dozenten oft nach Stunden vergütet werden, häufig in Größenordnungen, die – wenn man Vor- und Nachbereitung ehrlich rechnet – schnell wie ein Taschengeld wirken. Das ist kein Gefühl, das ist ein strukturelles Thema: Lehrauftragsvergütungen sind in der Praxis oft niedrig und stark formalisiert (45-Minuten-Einheiten, Sätze, Richtlinien).
Und genau deshalb sage ich offen:
Ich unterrichte in Deutschland inzwischen vor allem an privaten Hochschulen. Nicht, weil ich elitär bin. Sondern weil die staatliche Realität häufig so aussieht, dass ein Dekan eine Anfrage stellen muss, von der er im Grunde schon weiß, dass sie scheitert – weil das Honorar die Arbeit nicht respektiert. Und das ist nicht nur ein persönlicher Ärger. Das ist ein Symptom: Deutschland schätzt kulturelle Arbeit gern rhetorisch – aber finanziell oft herablassend.
Und dann wundern wir uns, warum wir im internationalen Vergleich nicht mehr die Strahlkraft haben, die wir einmal hatten. Wir müssten wieder dahin kommen, wirtschaftlich, kulturell, handwerklich das zu sein, was wir waren – nicht als Nostalgie, sondern als Entscheidung.
KI ist dabei für mich kein Monster.
KI ist ein Werkzeug.
Ein Wegbegleiter.
Ein Ideengeber.
Und wenn wir das richtig nutzen, kann KI sogar das Gegenteil von Verdummung sein: ein System, das Menschen wieder zum Denken zwingt, weil es Fragen schneller macht – und dadurch die Ansprüche an Antworten steigen.
















