bowie

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Eine Kolumne von Marie Lichtenstein

 

bowie – ein politisches Statement. Und ja: absichtlich unbequem.

 

Mode darf das. Mode muss das sogar.

 

Denn was Appelt 1977 in Berlin formulierte, war mehr als Ästhetik. Es war eine Frage an jene, die diese Stadt regieren – und an jene, die glauben, Kunst solle bitte still sein, solange sie gut aussieht.

 

Ein Designer hat nicht nur das Recht, sondern fast die Pflicht, politische Arbeit zu hinterfragen, wenn die Realität der Stadt sichtbar auseinanderdriftet. Und Berlin driftet. Nacht für Nacht.

 

Während sich am Wochenende immer mehr Menschen – Paare, Nicht-Paare, Suchende, Verlorene – in chemischen Parallelwelten auflösen, wirkt die politische Reaktion fragmentiert, zögerlich, beinahe verlegen. Drogentaxis fahren präziser als Präventionskonzepte. Verantwortung wird delegiert, verschoben, vertagt.

 

Wenn man Franziska Giffey betrachtet, dann entsteht – zugespitzt formuliert – ein Bild politischer Selbstbeschäftigung. Präsenz ersetzt Substanz. Sichtbarkeit ersetzt Strategie. Die Stadt Berlin wird inszeniert, während sie an zentralen Stellen unbehandelt bleibt. Das ist kein persönlicher Angriff, sondern eine strukturelle Beobachtung: Eine Metropole, die sich mehr mit ihrer Außenwirkung beschäftigt als mit ihren inneren Krisen, verliert langfristig beides.

 

Auch Frau Dr. Felor Badenberg steht exemplarisch für ein Dilemma, das tiefer reicht als eine einzelne Person. Die Justizverwaltung wirkt überlastet, die Staatsanwaltschaften unterbesetzt, teils fachlich überfordert. Wer mit internen Reibungsverlusten kämpft, kann keine entschlossene Front gegen organisierte Drogenkriminalität aufbauen. Hier entsteht kein Vorwurf der Untätigkeit, sondern eine Frage nach Prioritäten, Ausbildung, Verantwortung.

 

Die Show „bowie“ übersetzte genau dieses Versagen in Bilder.

Attraktive Models – aber mit absichtlich gezeichneten Gesichtern. Verlaufenes Make-up. Dunkle Augenränder. Schönheit, die nicht gefeiert, sondern angegriffen wird. Die Aussage war klar und schmerzhaft: „Eine kaputte Umgebung macht selbst schöne Menschen müde. Und irgendwann hässlich.“

 

Das ist keine Provokation um der Provokation willen. Das ist politische Übersetzung. Kunst als Seismograf. Mode als Kommentar. 

Genau hier berührt sich „Sex and the City“ mit Berliner Realität: Die Freiheit der Großstadt kippt, wenn niemand mehr hinschaut. Wenn Genuss zur Flucht wird. Wenn Eskapismus zur Dauerlösung erklärt wird.

 

Ein Designer steht nicht außerhalb der Gesellschaft. Er ist Teil von ihr – und sieht oft früher, was kippt. Weil Mode Körper liest. Müdigkeit. Überforderung. Leere.

 

„bowie“ fragte nicht: Wer ist schuld?

Sondern: Warum passiert so wenig, obwohl alle es sehen?

 

Berlin 2026 braucht keine weiteren Imagefilme tanzender Senatoren auf TikTok.

Es braucht Mut zur Ehrlichkeit.

Und den Raum, in dem Kunst sagen darf, was Politik gerade nicht formulieren kann.

 

Mode ist kein Luxusproblem.

Sie ist ein Frühwarnsystem.

 

Denn eines lernte Sven Appelt in den letzten zwei Jahren:

Bei Frau Akgüc ersetzt Schuldverschiebung die Wahrheitsfindung.

Die Sucht eines Dritten wird zur Ausrede,

der Falsche zum Verantwortlichen erklärt.

So wird Arbeit vermieden

und das eigene Versagen administrativ neutralisiert.

 

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Das gefährliche Halbwissen

Ein Text aus der Sicht des Designers

 

Mode bewegt sich heute oft im Spannungsfeld zwischen schneller Aufmerksamkeit und leerer Provokation. Bilder zirkulieren schneller als Inhalte, Ästhetik ersetzt Haltung, Halbwissen wird zur Währung. Genau darin liegt die eigentliche Gefahr: nicht im Zeigen von Extremen, sondern im Zeigen ohne Kontext.

 

Diese Arbeit ist kein Versuch, zu schockieren.

Sie ist der Versuch, zu erinnern.

 

Wenn man mit Zeitzeugen spricht – wirklich spricht, ohne Filter, ohne Romantisierung –, dann bleibt am Ende nicht der Glamour, nicht die Freiheit, nicht der Mythos. Es bleibt immer dieselbe Konstante: Verlust. Müdigkeit. Tod. Genau darüber wird in der Mode selten gesprochen.

 

Aus diesem Grund habe ich mich bewusst gegen ein perfektes Styling entschieden.

Die Models erscheinen nicht makellos, nicht heroisch, nicht begehrlich.

Sie tragen den klassischen Heroin-Chic nicht als Trend, sondern als Zustand: Augenränder, die von Schlaflosigkeit erzählen. Haare, nach hinten gekämmt, fettig wirkend, nass, gelig – nicht sexy, sondern erschöpft. Körper, die müde sind, abgespannt, leer.

 

Diese Ästhetik ist kein Zitat.

Sie ist eine Konsequenz.

 

Mode hat Epochen, ja. Sie hat Referenzen, Zyklen, Wiederholungen. Aber sie trägt auch Verantwortung. Wer historische Bilder übernimmt, ohne ihre Realität mitzudenken, reproduziert genau das gefährliche Halbwissen, das Exzess verharmlost und Leid ästhetisiert.

 

Das letzte Stück dieser Arbeit ist bewusst gesetzt.

Es ist formal ein Kleid, das an ein Brautkleid erinnert. Aber es zeigt keine Braut. Es zeigt kein Versprechen, keine Zukunft, keine Vereinigung. Es steht symbolisch für das, was in all diesen Geschichten immer wieder benannt wird, wenn man genau hinhört: den Tod.

 

Nicht als Provokation.

Nicht als Effekt.

Sondern als Wahrheit.

 

Diese Arbeit will nicht polarisieren um der Polarisierung willen. Sie will etwas bewegen. Sie will zeigen, dass Mode mehr kann als Oberfläche. Dass sie gesellschaftliche Missstände sichtbar machen kann, ohne sie auszubeuten. Dass sie Räume öffnen kann für Gespräche, die sonst verdrängt werden.

 

Mode ist kein Schutzraum.

Sie ist ein Spiegel.

 

Und manchmal muss ein Spiegel unbequem sein, damit man erkennt, was wirklich vor einem steht.

 

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Der Sound – Mode, Konsum und Wegsehen

Redaktionelle Einleitung

 

Dieses Interview ist kein nostalgischer Rückblick und keine Verklärung einer Szene. Es ist ein Zeitdokument. Dagmar spricht über den Club Sound nicht als Legende, sondern als gelebten Alltag: als sozialen Raum, in dem Musik, Mode und Drogen selbstverständlich nebeneinander existierten – getragen von einer Generation, die Freiheit suchte und dabei oft übersehen wurde.

 

Politisch zeigt das Gespräch, wie sehr Kontrolle, Aufmerksamkeit und Prävention an äußeren Druck gebunden waren. Die Teilung Berlins erzeugte Beobachtung, Anspannung und Handlungsbereitschaft. Mit dem Wegfall dieses Drucks folgte kein Fortschritt, sondern Verwaltung, Gleichgültigkeit und Schweigen. Der Staat zog sich zurück, während sich die Probleme verschärften.

 

Bildungstechnisch macht das Interview deutlich, warum klassische Prävention scheitert: Jugendliche wissen längst, was existiert. Aufklärung kommt zu spät, wird von Eltern abgewehrt oder gesellschaftlich entschärft. Das Problem ist nicht fehlendes Wissen – es ist kollektives Wegsehen und das Leben in abgeschotteten sozialen Blasen.

 

Diese Haltung bildet die inhaltliche Brücke zur Show am 31.01.2026:

Mode wird hier nicht als ästhetische Oberfläche verstanden, sondern als Erinnerung, Kommentar und politische Spur. Nicht nostalgisch, sondern präzise. Nicht dekorativ, sondern unbequem.

 

 

Interview

Sven Appelt fragt. Dagmar K. antwortet.

 

 

Sven:

Dagmar, wenn heute über den oder das „Sound“ gesprochen wird, klingt das oft wie ein Mythos. Für dich war es Alltag. Ein Ort, an dem Musik, Mode und Drogen einfach da waren. Wie offen war der Umgang damit wirklich?

 

Dagmar:

Gar nicht offen. Das war nichts, worüber man gesprochen hat. Man wusste es einfach. Es lag in der Luft. Der Schweiß in der Luft roch nach den chemischen Zusammensetzungen von LSD, Cartier, Leder und Zigaretten.

Wenn man es sichtbar gemacht hätte, wäre es gefährlich geworden. Also hat man geschwiegen, genossen, gelebt – und ist gestorben.

 

 

Sven:

Wie bist du selbst damit umgegangen? Wie bist du an die Drogen gekommen?

 

Dagmar:

Ich habe sie mir vorher besorgt. Immer. Ich kannte Leute. Im „Sound“ selbst hätte ich das nie gemacht. Da hatte ich viel zu viel Angst. Man wusste, dass da verdeckte Ermittler unterwegs waren. Dieses Gefühl von Beobachtung war immer da.

 

 

Sven:

Weißt du noch, wie sich die erste Begegnung damit angefühlt hat?

 

Dagmar:

Es war Neugier. Ganz ehrlich. Keine große Angst am Anfang. Man wollte dazugehören. Man wollte fühlen, was die anderen fühlten. Die Angst kam erst später – viel später.

 

 

Sven:

Du hast im „Sound“ gearbeitet. Garderobe, Bar, Milchbar. Diese Milchbar ist ja fast schon legendär.

 

Dagmar:

(lacht) Ja. Offiziell gab es nur Milch. Inoffiziell natürlich auch Alkohol. Die Milch war eher Tarnung. So wie vieles dort. Man hat sich arrangiert.

 

 

Sven:

Lass uns über Mode sprechen. Was hat Kleidung im „Sound“ bedeutet?

 

Dagmar:

Sehr viel. Kleidung war kein Beiwerk. Sie war Aussage. Je freizügiger, desto normaler. Niemand hat sich gewundert. Das war Freiheit – zumindest hat es sich so angefühlt.

 

 

Sven:

Meinst du den „Heroin-Chic“, der sich in West-Berlin durchsetzte?

Wie sahen die Männer aus?

 

Dagmar:

Du meinst das „Fixer-Tuch“. Daran erkannten sich die Fixer und schnorrten sich gegenseitig an.

Oft Jeans oder Lederhosen. Tanktops. Viele mit freiem Oberkörper. Aber fast alle mit diesem schmalen Tuch um den Hals.

 

 

Sven:

Dieses Ascot-Tuch.

 

Dagmar:

Genau. Eigentlich ein echt schönes Accessoire. Es war kein Zufall. Das war ein Zeichen. Man konnte daran lesen, wer jemand war. Die Schwulen hatten farbige Tücher – Stoff und Farbe hatten Bedeutung.

 

 

Sven:

Die queeren Codes?

 

Dagmar:

Ja. Hanky-Code, Anspielungen. Man musste nicht reden. Man wusste, was man gleich erlebt.

 

 

Sven:

Du hast Christiane F. erlebt. Nicht als Figur aus dem Film, sondern als echtes Mädchen. Wie hast du sie wahrgenommen?

 

Dagmar:

Sie war sehr jung. Viel jünger, als man heute denkt. Und sie bestellte bei mir oft Kirsch-Banane, ein Getränk an der Milchbar.

Sie war unglaublich schön und sah unheimlich reif aus: klare Haut, schönes Haar. Dass sie erst 14 war, sah man nicht sofort.

Am Anfang wirkte sie fast brav. Sie trug Seidenblusen, neutrale Sachen. Und ja – sie trug die Schuhe ihrer Mutter. Das hat sie später selbst erzählt. Christiane zog sich im „Sound“ immer die Schuhe um. Ich sehe die abgeranzte Wertheim-Tüte noch vor mir, in der sie ihre Turnschuhe hatte.

 

 

Sven:

Wann hast du gemerkt, dass sich etwas verändert?

 

Dagmar:

Als sie diese Bowie-Jacke trug. Diese College-Jacke. Da wurde der Verfall sichtbar. Sie wurde dünner. Die Haare wurden stumpf, trocken. Kein Glanz mehr. Viele Mädchen färbten sich damals die Haare rot. Das war ein Zeichen. Mode als Halt, obwohl alles wegrutschte.

 

 

Sven:

Im „Sound“ waren auch viele Prominente. Bowie zum Beispiel. Wie wurde mit ihnen umgegangen?

 

Dagmar:

Sie wurden bevorzugt, ja. Stammplätze, schnelle Bedienung. Aber sie waren mitten unter uns. Kein Abgrenzen. Kein Separee.

 

 

Sven:

Wie wurde Bowie beschrieben?

 

Dagmar:

Sehr präsent. Immer mit Leuten um sich. Nie allein. Sein Stil war auffällig, geschminkt, außergewöhnlich. Er war sofort da, auch ohne ein Wort zu sagen. Und er kam mit jedem ins Gespräch – extrem offen.

 

 

Sven:

Würdest du sagen, der „Sound“ hat den Konsum verharmlost und euch als Personal dulden lassen, was dort gesehen wurde?

 

Dagmar:

Er hat ihn ignoriert. Niemand hat uns gesagt, wir sollen aufpassen oder eingreifen. Das war jedem selbst überlassen. Das war Freiheit – aber auch gefährlich.

 

 

Sven:

Du hast mir einmal diese Geschichte mit dem Clubbesitzer erzählt.

 

Dagmar:

(lacht) Ja. Offen schwul. Sehr präsent. Wir waren einmal in seiner Wohnung über dem Club – und als wir raus wollten, war die Tür zugemauert. Das war absurd, aber typisch für diese Zeit.

 

 

Sven:

Wie war das Arbeiten dort?

 

Dagmar:

Schön. Wirklich. Wir hatten einen starken Zusammenhalt. Viel Nähe. Keine Grabenkämpfe.

 

 

Sven:

Trotzdem: Wie viele Menschen hast du verloren?

 

Dagmar:

Einige. Sehr junge. Das hat wehgetan. Manche sind einfach verschwunden. Oder man sah ihr Bild später in der Bild-Zeitung. Das war Horror.

 

 

Sven:

Was ist geblieben – der Rausch oder die Leere?

 

Dagmar:

Die Leere. Als der „Sound“ geschlossen wurde, fehlte etwas. Nicht nur ein Club. Ein Teil von mir.

 

 

Sven:

Was hast du aus dieser Zeit mitgenommen?

 

Dagmar:

Die Musik. Ganz klar. Die war mein Rausch. Ich bin zum DJ gegangen, habe gefragt, was das für Platten sind, bin losgezogen und habe sie gekauft. Musik hat mich getragen.

 

 

Sven:

Wenn du heute junge Menschen siehst – was würdest du ihnen sagen?

 

Dagmar:

Seid vorsichtig. Die Drogen heute sind nicht mehr dieselben. Viel gefährlicher. Man verliert sich schneller, als man glaubt. In der Szene, 

 

Chemsex, Ekstase und Müdigkeit

 

Sven:

Dagmar, wenn du heute auf die Szene blickst – und damit meine ich nicht nur die homosexuelle Szene, sondern genauso die heterosexuelle –, wie nimmst du diese neuen Formen von Exzess wahr?

 

Dagmar:

Ganz ehrlich? 

Diese ChemSex-Partys sind unfassbar populär geworden. Und ich meine wirklich alle Szenen. Man ballert sich die Birne weg mit allem, was irgendwie greifbar ist: Koks, Keta, Crystal, alles wird aufgenommen. Und zum Schluss noch ein schöner Tropfen GHB obendrauf. Dann wird gefeiert bis zur vermeintlichen Ekstase oder bis zum Tod.

 

Aber was dabei völlig ausgeblendet wird: die Folgen.

Und ich rede jetzt nicht von HIV oder ähnlichem – das hat man, zumindest nach außen hin, halbwegs im Griff. Außer in Afrika, aber das ist ein ganz anderes Thema, über das ihr euch als Verein wirklich einmal ernsthaft zusammensetzen solltet. Das, was dort passiert, ist eine Schande.

 

Ich bin dafür ehrlich gesagt zu alt geworden. Ich kann nichts mehr bewegen. Und ich will es auch nicht mehr. Ich bin müde. Müde von dieser Regierung, müde von diesem Land.

 

Aber eines will ich jungen Menschen trotzdem mitgeben:

Seid wachsam. Feiert – von mir aus. Seid exzessiv, wenn ihr meint. Aber bleibt euch wenigstens einer Sache treu. Lasst diese tödlichen Cocktails weg. Diese Mischungen, die heute nur noch gestreckt sind mit irgendwelchem Chemikalien-Dreck, der euch die Zähne ausfallen lässt und euch innerlich zerstört.

 

Ich sehe das ja auch im Vergleich. Ich gucke oft rüber, Sven, du bist ja sehr viel in Los Angeles. Und ganz ehrlich: Wenn du mir erzählst, wie Hollywood inzwischen aussieht, glaube ich das manchmal kaum. Du hast mir letztens ein Video geschickt – ich habe geweint. Wirklich geweint.

 

Und dann höre ich junge Menschen im Bus reden. Oder früher, als ich noch im Café Ulrichs gearbeitet habe, was die Leute dort erzählt haben, was sie erleben, worauf sie sich einlassen müssen – mir sind die Tränen gekommen. Das ist nicht nachvollziehbar. Nicht vorstellbar, wie man ein Leben wegwerfen kann.

 

Und das Schlimmste ist ja: Es geht oft noch nicht einmal um Sex. Die sind so zugedröhnt, dass sie körperlich gar nichts mehr können. Das ist doch das eigentlich Kranke an der Sache.

 

 

Politik, Kontrolle und das Wegsehen

 

Sven:

Dagmar, du hast Berlin in sehr unterschiedlichen politischen Zeiten erlebt. Wenn du heute zurückblickst: Würdest du sagen, die Politik hat den Drogenkonsum damals gewähren lassen? Gab es Prävention, Maßnahmen, irgendetwas?

 

Dagmar:

Du wirst lachen, aber ich glaube, das hatte ganz viel mit der Teilung Berlins zu tun. Mit der DDR. Mit dem Druck von außen.

 

 

Sven:

Was meinst du damit konkret?

 

Dagmar:

Vor dem „Sound“ standen regelmäßig diese Männer. Stasi-Spitzel. Die haben Fotos gemacht, Videos gedreht. Wenn wir drüben im Park standen und uns übergeben haben. Wenn gedealt wurde. Wenn es Razzien gab. Wenn Dealer festgenommen wurden.

Diese Typen mit ihren schwarzen und grauen Mänteln, diesen hässlichen beigefarbenen Anoraks – diese Bilder werde ich nie vergessen. Diese unangenehmen, unattraktiven Männer. Die waren immer da.

 

 

Sven:

Und das hatte Auswirkungen?

 

Dagmar:

Ja. Ich glaube wirklich, dass die Politik damals wachsamer war. Angespannter. Weil man wusste: Da schaut jemand zu. Da wird dokumentiert. Da gibt es Druck von außen.

 

 

Sven:

Und heute?

 

Dagmar:

Heute, ganz ehrlich, verwaltet sich die Politik selbst. Und die Polizei auch. Ich glaube, die haben gar keine Zeit mehr, sich um so einen kleinen Fixer zu kümmern. Manchmal denke ich sogar, die sind froh, wenn einer weniger Stress macht.

 

 

Sven:

Also keine Prävention?

 

Dagmar:

Überhaupt nicht. Null. Ich kann mich noch an Plakate erinnern: „Keine Macht den Drogen.“ Die hingen überall. Heute siehst du nichts davon.

 

 

Sven:

Was siehst du stattdessen?

 

Dagmar:

Abgehalfterte C-Promis auf riesigen Postern, die dir sagen, du sollst das Dschungelcamp gucken. Das ist doch absurd. Das ist die eigentliche Gefahr.

Was Drogen mit einem machen, wird überhaupt nicht mehr erklärt.

 

 

Schule, Prävention und die deutsche Bubble

 

Sven:

Dagmar, lass uns über Schule sprechen. Über Aufklärung. Über Prävention. Ganz ehrlich: Funktioniert das aus deiner Sicht überhaupt?

 

Dagmar:

Ganz ehrlich? Nein. Willst du wirklich eine Lehrerin hinstellen, die Jugendlichen erklärt, worauf sie achten sollen? Die lachen dich doch aus. Die Jugendlichen wissen längst, was auf dem Markt abgeht und kennen schon „fast“ alles.

Die sind viel informierter, als man denkt. Die nehmen das alles nicht ernst.

 

 

Sven:

Und die Eltern?

 

Dagmar:

Oft werden auch die Eltern nicht ernst genommen. Oder sie wollen es selbst nicht sehen. Das ist ein riesiges Problem.

 

 

Sven:

Man hört ja oft, man müsse viel früher anfangen.

 

Dagmar:

Ja, eigentlich müsstest du in der Grundschule anfangen. Aber dann hast du sofort diese überorganisierten Prenzlauer-Berg-Eltern, die mit Klagen drohen.

„Mein Kind wird an Drogen herangeführt“, sagen sie dann.

Dabei geht es um Aufklärung, nicht um Verführung.

 

 

Sven:

Also ein gesellschaftliches Dilemma?

 

Dagmar:

Absolut. Du merkst doch selbst: Die Gesellschaft in Deutschland hat verlernt, klar zu denken. Jeder will nur noch in seiner eigenen kleinen Bubble leben.

 

 

Sven:

Was meinst du mit Bubble?

 

Dagmar:

Prenzlauer Berg, Charlottenburg, Wilmersdorf, Steglitz – jeder Bezirk, jede Szene, jede Blase. Jeder bleibt unter sich. Keiner will wirklich raus. Keiner will hinschauen, was außerhalb passiert.

 

 

Sven:

Und was bedeutet das für junge Menschen?

 

Dagmar:

Dass sie allein gelassen werden. Dass Probleme verdrängt werden, statt sie anzusprechen. Und das ist gefährlich. Nicht die Aufklärung ist das Problem – das Wegsehen ist es.

 

 

Sven:

Dagmar, danke dir. Wirklich.

 

Dagmar:

Danke dir, mein Schatz.

 

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